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01. Adventsfenster 2012
01.12.2012, 19:26 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 01.12.2013 20:52 von Mod.)
Beitrag: #1
01. Adventsfenster 2012
Habt Ihr auch einen Adventskalender zu Hause? - Nun, ich will versuchen, hier bis zum 24. Dezember für Euch auch einen vollständigen Adventskalender zusammenzukriegen.

Weihnachten ist doch für alle Christen das Fest der Liebe, das Fest der Nächstenliebe schlechthin.
Lassen wir Jene, welche den Stress zu brauchen scheinen, doch stressen und versuchen wir, uns schrittweise dem Kerngedanken dieses Festes anzunähern ...

[Bild: santabike.jpg]

Bevor Jemand überhaupt der Nächstenliebe fähig wird, muss doch erst die Liebe zu sich selber im Lot sein. Und: Sind wir das denn schon? - Um uns selber lieben zu können, brauchen wir uns erst selber zu kennen. Hierfür müssen wir uns, nebst anderem, auch über unsere eigene Identität im Klaren sein.
Zum Thema "Identität" liefere ich Euch hier einen Beitrag, welcher hoffentlich als Diskussionsbasis, oder wenigstens zum Nachdenken anzuregen vermag. Geschrieben wurde er vom Schweizer Schriftsteller Hugo Lötscher im Jahre 2009:

Zitat:Schweizstunde

Sind wir die »Dorftrottel Europas«? Oder sind wir »Niemandskinder«? Was ist eigentlich ein Schweizer?
Ein Essay über unsere Identität von Hugo Loetscher
22.04.2009

Einige Tage nach meiner Geburt wurde eine Urkunde ausgefüllt, welche bestätigte, dass ich in der Schweiz als Sohn Schweizer Eltern geboren wurde. Deswegen gelte ich als Schweizer. Zudem wurde ich (noch ein Baby) zur Kirche gebracht, um getauft zu werden. Man erzählte mir hinterher, dass ich wegen des kalten Wassers schrie. Ich habe eine andere Version: Es war mein erster Versuch von Selbstbestimmung.

Ich kam zu einer Religion und einer nationalen Identität, ohne gefragt worden zu sein. Als ich fähig war, Fragen zu stellen, waren die Antworten bereits gegeben.

Heute bin ich kein verlässlich praktizierender Christ mehr. Aber ich bin immer noch ein praktizierender Schweizer und bin es seit mehr als sieben Jahrzehnten. Schweizer zu sein brachte einige Vorteile mit sich, etwa einen Pass.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in einem vom Krieg zerstörten Europa war es komfortabel, einen Schweizer Pass auf sich zu tragen, sah man sich doch mit Währungsvorschriften und Visa konfrontiert. Der Schweizer Pass öffnete Grenzen.

Bis zu jenem Tag, an dem ich die Illusionen über meinen Schweizer Pass verlor. Es passierte in den USA, wo ich writer in residence an der University of Southern California (USC) in Los Angeles war. Gerade angekommen, ging ich zu einer Bank und tat, was ein Amerikaner niemals tun würde: Ich hob eine größere Summe Bargeld ab. Die Dame hinter dem Schalter verlangte eine ID, eine Identitätskarte. Als ich ihr meinen Pass zeigte, bestand sie auf einer »echten ID«. Mein Pass steckte in einem Lederetui; in einem Fach fand sie eine Kreditkarte, sie notierte Nummer und Ablaufdatum. Da es sich um eine recht hohe Summe handelte, fragte sie mich nach einer weiteren ID, um die erste zu bestätigen. Warum sollte ich es nicht nochmals mit meinem Pass versuchen? Die Dame kramte in meinem Etui und traf auf Gold: einen Führerschein.

Ich wurde ein vertrauenswürdiger citizen dank einer Kreditkarte und eines Führerscheins, ohne Hilfe meines Passes. Ich war auf den American Way of Life vorbereitet.

Nichtsdestoweniger, ich habe und benutze nach wie vor meinen Pass, der bestätigt, dass ich Schweizer bin. Jedoch, er sagt nicht aus, welche Art von Schweizer ich bin.

Ein Land, das nicht eine Kultur ist, eine Kultur, die keine Nation ist

Ich bin Bürger eines viersprachigen Landes. Ich komme aus dem deutschsprachigen Teil der Schweiz. Auch wenn ich die anderen Nationalsprachen nicht beherrsche, gehört zu meiner nationalen Identität das Bewusstsein: Meine Sprache ist eine neben anderen, womit sprachliche Hierarchie ausgeschlossen ist.

Als Deutschsprachiger beinhaltet mein kultureller Einflussbereich daher auch Deutschland, Österreich und alle andere Orte, wo deutsch gesprochen und geschrieben wird.

Die Beziehung der Schweiz zu Deutschland ist weder frei von Klischees noch frei von Vorurteilen. Auf der einen Seite haben wir die »Kuhschweizer« und auf der anderen die »Sauschwaben«. Dieses gegenseitige Verunglimpfen ist in dem Buch Kuhschweizer und Sauschwaben: Schweizer, Deutsche und ihre Hassliebe (Hrsg. von Jürg Altwegg und Roger de Weck, Nagel & Kimche 2003) reflektiert und wird in einer anderen Publikation ebenfalls Thema: Deutsche und Deutschland aus Schweizer Perspektiven (Hrsg. von Georg Kreis, Schwabe 2007). Beide Bücher bieten eine hervorragende Illustration sowohl für unsere Bewunderung des Big Brother als auch für unsere Furcht vor ihm.

Diese Ambivalenz basiert nicht zuletzt auf Erinnerungen an den Nationalsozialismus; sie wird von kommenden Generationen immer weniger geteilt werden. Die Hälfte der Schweizer Autoren publiziert heute in deutschen (oder österreichischen) Verlagen, und prominente deutsche Autoren werden von Schweizer Verlagern herausgegeben.

Die Geschichte des schweizerischen Selbstverständnisses ist unweigerlich mit der Beziehung zu Deutschland verbunden. Unsere klassischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts sahen sich als Deutsche Autoren ohne irgendwelche spezielle Schweizer Qualitäten. Eine selbstverständliche Beziehung, die allerdings während des Ersten Weltkriegs infrage gestellt wurde.

Der Schriftsteller Carl Spitteler (1845 bis 1924) publizierte das Pamphlet Unser Schweizer Standpunkt . In diesem distanzierte er sich vom damals triumphierenden Nationalismus in Deutschland. Er beharrte auf der Schweizer Neutralität und trat für eine kulturelle Unabhängigkeit der Schweiz ein. Sein Standpunkt brachte ihn um jede Chance in der literarischen Welt Deutschlands, obgleich er nach dem Krieg den Literaturnobelpreis erhielt, nicht zuletzt für sein Epos Olympischer Frühling, ein Buch, das heute kaum noch gelesen wird.

Bei welcher Ambivalenz auch immer, meine nationale und kulturelle Identität decken sich nicht. Was wie ein Nachteil aussieht, kann als Vorteil erachtet werden. Etienne Barilier (geb. 1947), ein brillanter Essayist aus der französischen Schweiz, hielt fest: Ein Schweizer Schriftsteller lebt in einem Land, das nicht eine Kultur ist, und lebt nicht in einer Kultur, die eine Nation ist: »Wir sind Niemandskinder. Das ist weder eine Tugend noch ein Defizit, sondern das öffnet eine Perspektive auf die Welt.«

Ein solches Verhältnis kann sich zudem komplizieren, wenn die kulturelle Identifizierung nicht mit der linguistischen zusammenfällt.

Das Deutsch, welches wir Schweizer sprechen, ist nicht identisch mit dem Deutsch, welches in Deutschland gesprochen wird. Tatsächlich gibt es Schweizer Autoren, die Standarddeutsch als Fremdsprache erachten und den Dialekt als das authentische Schweizer Deutsch. Ich bin nicht dieser Meinung. Nach meiner Auffassung sind wir zweisprachig innerhalb der eigenen Sprache, da in meinem Landesteil Standarddeutsch sowohl eine geschriebene als auch eine gesprochene Sprache ist. Der Gebrauch der einen oder der anderen Sprache hängt von den jeweiligen Umständen des Sprechers (oder Schreibers) ab.

Für lange Zeit war ich überzeugt, dass in einer Sprache sprechen und in einer anderen schreiben eine einzigartige Situation sei. Aber eines Tages war ich genötigt, das zu überdenken.

Bei einem Meeting in Kairo mit ägyptischen Schriftstellern und Intellektuellen wurde ich gebeten, über die linguistischen Gegebenheiten der Schweiz zu referieren. Nach dem Vortrag sprach mich ein junger Autor an: »Wir Ägypter haben das gleiche Problem.« Zuerst war ich indigniert. Wenn wir Schweizer etwas haben, ziehen wir es vor, es für uns allein zu haben: Wir mögen nicht gern teilen, auch unsere Probleme nicht.

Der junge Schriftsteller sagte: »Wir haben ein heiliges Arabisch, das Arabische des Korans. In diesem Arabisch schreiben wir keine Geschichten oder Romane; für die Literatur und für die Printmedien verwenden wir ein Standardarabisch, sodass wir uns über das Lesen verstehen. Zusätzlich sprechen wir einen Dialekt, die Sprache unseres Alltagslebens, diese wechselt von Region zu Region, von Land zu Land, bis zu dem Ausmaß, dass wir einander mündlich nicht verstehen.« Dieser Situation als Schriftsteller gerecht werdend, gebrauche er das Standardarabisch für den narrativen Teil einer Geschichte und den Dialekt für die Dialogpassagen, damit erlange er Lokalkolorit.

Ein unvertrautes Prozedere, dachte ich zu jenem Zeitpunkt – aber ich fand Gelegenheit, mich zu korrigieren. Einer unserer klassischen Autoren des 19. Jahrhunderts, Jeremias Gotthelf (1797 bis 1854), ein Pastor, gebrauchte die bernerische Mundart, wenn er die ländlichen Helden seiner Romane reden lässt. Aber sein Verleger in Berlin verstand die Dialektpassagen nicht. Gotthelf hatte die Stellen durch Hochdeutsch zu ersetzen.

Ich realisierte: Was einzigartig an der Schweizer Identität zu sein scheint, kann sich als Variation eines allgemeineren Themas erweisen, eine Erfahrung, die ich auch in anderer Beziehung machen sollte; manchmal mit dem unerwarteten Resultat, dass unser Leiden im Vergleich weniger schmerzlich ausfällt, als uns jeweils lieb ist.

Ich wählte die Sprachsituation als erstes Beispiel, um die nationale Identität zu bestimmen. Aber die Sprachsituation hat sich infolge der Immigrationspolitik radikal geändert. Heute sprechen 130000 Einwohner der Schweiz slawische Sprachen, 118000 Spanisch, 95000 Portugiesisch, 60000 Türkisch, 60000 Englisch. Das ist mehr als die 40000 Rätoromanen, die unsere vierte Landessprache sprechen. Ihnen folgen die Albanischsprechenden mit 38000 und 20000 Arabischsprechende.

Als Resultat unserer sich verändernden Gesellschaft haben wir neue religiöse Gruppen wie etwa Muslime. Damit sind wir mit ungewohnten Problemen konfrontiert. Zum Beispiel: Ist es notwendig, eigene muslimische Friedhöfe zu haben? Oder: Es wird erlaubt, eine Moschee zu bauen, nicht aber das dazugehörige Minarett. Eine Groteske, die allerdings ihr historisches Vorspiel hat. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde in Zürich den Katholiken bewilligt, eine Kirche zu bauen, auch einen Glockenturm, allerdings einen ohne Glocken. Eine Verordnung, die mit einem typisch schweizerischen Kompromiss endete: Die am nächsten gelegene protestantische Kirche erklärte sich einverstanden, bei katholischen Anlässen die Glocken für die Mitchristen zu läuten.

Gibt es überhaupt eine Identität ohne Geschichte? Es ist aufschlussreich, sich in Erinnerung zu rufen, welche Arten von Identitäten in der Schweizer Geschichte zur Sprache kamen.

Carl Hilty (1833 bis 1909), Herausgeber des Politischen Jahrbuches der Schweiz, war ein Spezialist in Völkerrecht und repräsentierte die Schweiz auf internationalen Kongressen. Vor dem Ersten Weltkrieg schrieb er: »Meiner Meinung nach ist die Schweizerische Eidgenossenschaft eine Form von Regierung, die von Gott persönlich geplant und gut ausgestattet ist für eine spezielle Mission, ein außergewöhnliches Volk Gottes.«

Die Schweiz ist nicht die einzige Nation, die sich auf eine special relationship mit Gott beruft. Nicht nur Amerika ist Gottes eigenes Land. Die Brasilianer behaupten, Gott sei brasileiro, und die Mexikaner sind überzeugt: Deus es mejicano .

Einst fragte ich mich, was, wenn Gott Schweizer wäre. Falls er es wäre, hätte er die Welt noch nicht erschaffen. Als Schweizer würde er den richtigen Moment abwarten, einen Moment ohne Risiko. Dass die Welt nicht zum besten Zeitpunkt erschaffen wurde, ist offensichtlich. Kaum waren Adam und Eva ein Paar, musste man sie aus dem Paradies verjagen. Kaum gründeten sie eine Familie, brachte der eine Junge den anderen um. Das wäre nicht geschehen, wenn Gott wie ein Schweizer den richtigen Augenblick abgewartet hätte.

Die Idee eines »auserwählten Volkes« erlangte neue Aktualität mit dem Zweiten Weltkrieg. Mitten in Europa der Gefahr eines Krieges ausgesetzt, blieb die Schweiz verschont. War dieses Wunder nicht der Beweis des direkten Eingreifens von Gott? Aber er muss Schweden und Portugal ebenfalls geliebt haben, denn sie wurden auch verschont.

Gibt es einerseits die Schweiz und andererseits die Weltgeschichte?

Die Rechtfertigung unserer politischen Existenz brachte den Ausdruck »Sonderfall« hervor, keine glückliche oder nützliche Bezeichnung, aber nachhaltig populär wie all solche vagen Formeln. Wenn »Sonderfall« bedeutet, dass dieses Land unverkennbare Qualitäten und Besonderheiten hat, gibt es keinen Zweifel an solch einer Bezeichnung; in diesem Sinn ist jede Nation ein Sonderfall. Aber wenn Sonderfall bedeutet, dass es auf der einen Seite die Schweiz gibt und auf der anderen die Weltgeschichte, dann ist der Ausdruck fraglich, denn er hat nichts mit der modernen Schweiz zu tun, die wirtschaftlich und finanziell mit der ganzen Welt vernetzt ist. Anlässlich der Bankenkrise zögerte die offizielle Schweiz lange, bis sie die Konsequenzen für sich selbst eingestand.

Fatal, wenn die Auseinandersetzung um das Bankgeheimnis als Infragestellung unserer Identität verstanden wird, sodass die, die sich für eine Lockerung oder gar Aufhebung einsetzten, als Landesverräter gebrandmarkt werden. Das ist ein größerer Skandal als die metaphorische Entgleisung des deutschen Finanzministers, die Schweizer Indianern gleichzusetzen. Es gibt Aussagen von Schweizer Politikern, bei denen man sich als Schweizer wie ein Höhlenbewohner vorkommen muss; verglichen damit ist das Indianersein ein kultureller Fortschritt.

Umso erstaunlicher, dass ein Autor erst kürzlich in die Mottenkiste griff mit seinem Buch Die Schweiz als Sonderfall . Die drei Säulen seines Falles sind Neutralität, Föderalismus und Mehrsprachigkeit. Kein Zweifel, das sind Schlüsselwörter, aber der Autor, Paul Widmer, geht mit ihnen um, ohne auf ihre aktuellen Probleme einzugehen; erstaunlich, da er ein Diplomat ist und die Schweiz im Europarat in Straßburg vertritt.

Die Kurzsichtigkeit lässt sich schon beim Stichwort Föderalismus aufzeigen. Selbstverständlich war Föderalismus essenziell für die Formation einer multikulturellen Schweiz. Aber was einst unvermeidliche Prämissen waren, konnte zu Hindernissen werden. Die Schweiz, ein kleines Land, hat 26 verschiedene Schulsysteme, die harmonisiert werden müssen. Die wirtschaftliche Entwicklung respektiert nicht länger die traditionellen Grenzen der Kantone. Im Interesse eines zeitgemäßen akademischen Standards sind Regelungen zwischen den Universitäten erforderlich. Das Gleiche ist dringend nötig für eine Abstimmung zwischen den kantonalen Spitälern. Allgemein gesagt und mit einem Blick in die Zukunft, müssen wir Schweizer unseren traditionellen Föderalismus bereinigen, um einen neuen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft zu begründen.

Die Rechtfertigung der Schweiz als Sonderfall gipfelt im Bekenntnis: »Ein Land wie die Schweiz kann das Weltgeschehen nicht beeinflussen. Das ist weder seine Aufgabe, noch hat das Land die Kapazität dafür. Die Schweiz wird dem Rest der Welt einen guten Dienst erweisen, wenn sie ihr eigenes Haus in Ordnung hält. Somit bietet die Schweiz ein Beispiel dafür, wie ein Staat, der auf Freiheit seiner Bürger basiert, funktionieren kann. Einmal mehr gilt Candides Erkenntnis: Il faut cultiver son petit jardin.«

Seinen eigenen kleinen Garten bestellen: Was, wenn die Gärtlein unserer Banken in den USA liegen, in Südafrika oder in arabischen Ländern? Sollen wir unser eigenes Klima kultivieren und den Klimawandel den anderen überlassen? Was aber, wenn unsere Gletscher in Solidarität mit dem arktischen Eis schmelzen? Als ob eine globalisierte Welt nicht neue Verantwortungen mit sich bringt. Es gibt auch eine Arroganz der Bescheidenheit.

Aber Ideen sind unbeugsam, und eine Idee wie der »Sonderfall« hat Geschichte. Man muss nur ins 18. Jahrhundert zurückgehen.

Salomon Gessner (1730 bis 1788) schrieb den ersten Schweizer Bestseller, Die Idyllen; eine Sammlung von Kurzprosa, die eine friedliche, pastorale Welt beschreibt, in der Schafe und Ziegen nicht stinken, weil sie alle Rokoko-Deodorant verwenden. Dieser Aristokrat aus Zürich erklärte recht offen, weshalb die zeitgenössischen Bauern nicht als literarisches Vorbild dienen können (»sie sind ungesittet, schlau und niederträchtig«). In einem Brief spottete derselbe Autor darüber, »wie ein echter Schweizer Bürger denkt«: »Kein Fleck auf Gottes Erdboden und auch im Mond nicht seyn kann, der mit dem unseren zu vergleichen wär. Sclaven sind alle anderen Menschen.«

Mit dem Beginn unserer Literatur begründeten wir schon die Geschichte unserer Widersprüche und die Verlockung, einzigartig zu sein.

»Sollte es so sein, dass wir die rückständigste, konservativste, eigensinnigste, selbstgerechteste und borstigste aller europäischen Nationen sind, so würde das für den europäischen Menschen bedeuten, dass er in seinem Zentrum richtig zuhause ist, oder so bodenständig, unbekümmert, selbstsicher, konservativ und rückständig, das heisst noch aufs Innigste mit der Vergangenheit verbunden… das wäre keine üble Rolle für die Schweiz, Europas Erdenschwere darzustellen.«

Was wie eine Varieténummer klingt, wurde in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Überzeugung von keinem Geringeren als C. G. Jung, dem Gründer einer unabhängigen Schule der analytischen Psychologie vorgebracht.

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs durchläuft die Schweiz aber einen Prozess der Demystifizierung: indem ihre humanitäre Geschichte mit dem Holocaust und ihrer inhumanen Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs konfrontiert wird. Oder indem die Schweizer Neutralität mit ihren Arrangements mit Nazideutschland konfrontiert wird – eine demokratische Schweiz, deren Bourgeoisie nicht immun war gegen faschistische Ideologie.

Ein prominentes Opfer dieses Prozesses der Demystifizierung ist die Schweizer Armee: 1989 stimmte ein Drittel der Schweizer für eine Schweiz ohne Armee ab, und derzeit ist eine Diskussion über die zeitgemäße Funktion der Armee im Gange. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Komik, wenn der Vorsteher des Departements für Verteidigung entschlossen ist, aus der Schweizer Armee »die beste der Welt« zu machen.

Was als Revision der jüngeren Schweizer Geschichte begann, weitete sich zu einer Revision der Schweizer Geschichte aus. Es ist bezeichnend, dass nicht mehr Personen die Perioden bestimmen, sondern dass Historiker heute von Die Schweiz und die Schweizer sprechen; das Kollektiv bestimmt die Geschichte. Junge Historiker haben die Historie ihrer Helden entledigt und die Geschichte demokratisiert. Sie haben aufgezeigt, dass die friedliche Schweiz eine blutige Geschichte sozialer Ungerechtigkeiten aufweist.

Demystifizierung wurde in den sechziger Jahren so dringlich, dass sie Mode wurde. Neben seriöser Kritik gibt es auch das, was ich als »negatives Jodeln« bezeichnet habe. Wenn wir schon nicht die Besten sind, dann wollen wir wenigstens die Schlechtesten sein. In der Schweiz ist es noch immer ein subversiver Akt, zu behaupten, dass wir Durchschnitt sind, ebenbürtig einer internationalen Skala, hinsichtlich unserer guten wie unserer schlechten Eigenschaften.

Die Radikalität der Kritik konnte sich fragen: Was ist verteidigungswürdig an diesem Land?

Ich hätte das Schulhaus verteidigt, wo ich lesen und schreiben lernte und meine ersten Vorstellungen von Geschichte und Geografie erlangte. Und ich hätte den Kiosk verteidigt. In der Nähe meiner Wohnung gibt es einen Zeitungskiosk, wo man jedes erdenkliche Exemplar eines Printmediums finden kann, in allen Sprachen: Tageszeitungen, Wochenzeitungen, Monatsblätter, von Politik bis Porno, von Meditation bis Gartengestaltung und Küche.

Demystifizierung war notwendig. Einen Teil der Schweizer Abwehr gegen Nazideutschland bildete die sogenannte Geistige Landesverteidigung. Der Kalte Krieg, der bald auf den Zweiten Weltkrieg folgte, schien eine erneute defensive Haltung zu rechtfertigen. Das Klischee einer unbeschadeten, intakten Schweiz wuchs in eine Verteidigungsneurose, die sich in der Opposition gegen alles Neue oder Kritische manifestierte.

Der Kalte Krieg und die Neutralität riefen eine ideologische Fixiertheit hervor, die in intellektueller Sturheit mündete, wie Karl Barth anklagte. Dieser Theologe, der während des Zweiten Weltkriegs ernsthafte Zensuren und Unterdrückungen erlitten hatte wegen seiner Antinazischriften und Predigten, warnte die Schweiz davor, zum »Dorftrottel Europas« zu werden.

An der Demystifizierung wirkten in entscheidendem Maße Schriftsteller mit. Schweiz als Heimat ist der Titel eines Buches, in dem »Versuche über fünfzig Jahre« gesammelt wurden, die für die literarische und publizistische Auseinandersetzung von Max Frisch mit der Schweiz stehen. Eine der schärfsten Provokationen stammt von Friedrich Dürrenmatt, als er die Schweiz mit einem Gefängnis verglich.

»Swissness« ist das neue Losungswort. Nicht zuletzt zwingt die neue europäische Situation, darüber nachzudenken, »was die Schweiz zur Schweiz macht«. Eine Frage, die zu gefährlichen Antworten verführt: Sich auf Geschichte und traditionelle Werte berufend, macht sich ein reaktionärer Konservativismus breit.

Wenn wir alle Identitäten, die erwähnt wurden, in Betracht ziehen, ist es einleuchtend, dass niemand nur eine Identität hat, eher dass wir alle Identitäten je nach unseren linguistischen, ethnischen, sozialen, religiösen oder sexuellen Beschaffenheiten haben. Von erstaunlicher Progressivität ist ein Dokument des Integrationsbüros der Stadt Zürich: »Jeder Mensch hat unterschiedliche Identitäten und verschiedene Heimaten.«

»Heimat« im Plural. Im Duden findet sich beim Schlagwort Heimat der Hinweis: »Plural nicht üblich«. Aber was einst unüblich war, ist üblich geworden, nicht nur was Heimat, sondern auch was Identität anbelangt.

Meine Identifikation mit der Schweiz zum Beispiel richtet sich auf ein Land von Morgen, auf eine Schweiz, die Mitglied der EU ist – es gibt auch defizitäre Identifikationen.

Wir müssen uns hüten vor einer totalen Identifikation. Im schlimmsten Fall liefert sie die Rechtfertigung für Krieg – die totale Identifikation trägt Uniform.

Identität, nicht als Sicherheitsgurt, sondern als Orientierungshilfe und Bezugspunkt. Wenn Identifikation nicht total identisch ist, gibt es einen Rest, und dieser Rest ist der Boden für das Noch-nicht-Realisierte, eine Herausforderung für die Jugend und damit für die Zukunft, eine Chance für die Freiheit.

Ich habe meine Identität stets als ein Spannungsfeld gelebt. »Ich«, das ist ein Schnittpunkt von Identitäten. Meine Lösung war weder darauf aus, die Spannung aufzuheben noch sie zu neutralisieren, sondern sie zu fruktifizieren.
Quelle: DIE ZEIT, 16.04.2009 Nr. 17
Adresse: http://www.zeit.de/2009/17/CH-Loetscher/komplettansicht

Nichts Gutes ausser man tut es ...
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